Als junger Mensch wusste ich vermutlich weniger über Verantwortung, als ich damals glaubte. Natürlich kannte ich das Wort. Ich wusste, was es bedeutet, eine Aufgabe zu übernehmen, für ein Ergebnis einzustehen oder innerhalb eines Unternehmens einen bestimmten Bereich zu verantworten. Doch heute glaube ich, dass zwischen dem Wissen um Verantwortung und dem wirklichen Tragen von Verantwortung ein grosser Unterschied liegt.
Vielleicht muss das sogar so sein. Denn wenn ich damals schon über jede mögliche Konsequenz nachgedacht hätte, hätte ich wahrscheinlich viele Dinge nicht gemacht, die mich später geprägt haben.
Ich nahm Herausforderungen an, oft ohne lange zu überlegen. Nicht aus Leichtsinn, sondern aus einer Mischung aus Freude, Neugier und einer gewissen inneren Disziplin. Wenn irgendwo etwas schwierig wurde, reizte mich das. Wenn jemand sagte, dass etwas kaum machbar sei, wollte ich wissen, ob es nicht doch einen Weg gibt. Diese Haltung wurde von Menschen um mich herum oft geschätzt und sie hat mir viele Türen geöffnet. Heute weiss ich aber auch, dass genau diese Unbekümmertheit zwei Seiten hatte. Auf der einen Seite war sie eine enorme Kraft. Auf der anderen Seite konnte ich die Tragweite mancher Entscheidungen damals noch gar nicht vollständig erfassen.
Denn Verantwortung beginnt nicht dort, wo jemand einen neuen Titel erhält. Sie beginnt meistens viel leiser. In dem Moment, in dem andere Menschen darauf vertrauen, dass du dein Wort hältst. In dem Moment, in dem eine Entscheidung nicht mehr nur dich betrifft. Oder in dem Moment, in dem du feststellst, dass eine falsche Einschätzung nicht einfach nur eine falsche Einschätzung war, sondern Auswirkungen auf einen Kunden, einen Mitarbeiter oder vielleicht sogar auf eine Familie hat. Mit zunehmender Erfahrung verändert sich deshalb auch der Blick auf das Business.
Als junger Mensch schaut man häufig zuerst auf die Aufgabe. Man will sie lösen. Man möchte beweisen, dass man etwas kann. Man möchte vorwärtskommen, lernen, gestalten und vielleicht auch ein wenig zeigen, wozu man fähig ist. Später schaut man stärker auf das, was hinter der Aufgabe liegt. Auf die Menschen, auf die Folgen, auf das Vertrauen.
Und irgendwann merkt man, dass die wirklich schwierigen Entscheidungen im Business selten in Excel stattfinden. Sie passieren zwischen Menschen.
Wenn du einem Mitarbeiter sagen musst, dass seine Leistung nicht genügt, obwohl du ihn persönlich magst. Wenn ein Kunde etwas erwartet, von dem du tief in dir weisst, dass du es nicht halten kannst. Wenn Zahlen schlechter aussehen als geplant und trotzdem jemand von dir eine klare Richtung erwartet. Wenn du eine Entscheidung treffen musst, obwohl dir niemand sagen kann, welche davon am Ende die richtige sein wird.
Genau dort beginnt für mich heute Verantwortung. Nicht im Wissen, sondern im Aushalten. Im Aushalten von Unsicherheit, von Konsequenzen und manchmal auch von der Tatsache, dass es keine Lösung gibt, mit der am Ende alle glücklich sind.
Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich mit einem Satz zunehmend Mühe habe, den man im Berufsleben immer wieder hört: Business ist Business und privat ist privat. Ich verstehe, was damit gemeint ist. Natürlich braucht es Grenzen und natürlich kann und soll nicht jedes private Thema zum Bestandteil des Geschäftslebens werden. Aber die Vorstellung, man könne diese beiden Welten sauber voneinander trennen, erscheint mir mit zunehmender Lebenserfahrung immer künstlicher. Wir sind nicht von acht bis fünf Uhr Geschäftsmenschen und danach plötzlich Privatmenschen. Wir bleiben Menschen.
Der Unternehmer, der am Nachmittag einen wichtigen Kunden verliert, sitzt am Abend vielleicht mit seiner Familie am Küchentisch. Die Führungskraft, die einem Mitarbeiter kündigen musste, steigt danach ins Auto und fährt nach Hause. Der Verkäufer, der seit Wochen unter Druck steht, weil die Zahlen fehlen, trägt diesen Druck nicht nur bis zur Bürotüre. Und auch umgekehrt funktioniert es nicht. Wer morgens Streit zu Hause hatte, ein krankes Kind betreut oder sich Sorgen um einen Menschen macht, den er liebt, verwandelt sich beim Betreten des Büros nicht plötzlich in eine emotionslose Funktion innerhalb eines Organigramms. Wir nehmen unser Leben mit. Manchmal sichtbar, manchmal unsichtbar. Aber es ist da.
Business und Privatleben sind für mich keine zwei getrennten Welten. Vielleicht sind sie eher zwei Räume im gleichen Haus.
Man kann die Türen schliessen, man kann versuchen, Ordnung zu schaffen, manchmal braucht man sogar etwas Abstand. Aber die Wände gehören trotzdem zum gleichen Gebäude. Und genau deshalb ist Verantwortung im Business für mich heute auch immer menschliche Verantwortung. Es geht nicht nur darum, ob eine Entscheidung wirtschaftlich richtig ist. Es geht auch darum, wie man sie trifft, wie man mit Menschen spricht, wie man sich verhält, wenn etwas schiefgeht, und wer man ist, wenn es unangenehm wird.
Denn solange alles funktioniert, ist Verantwortung relativ einfach. Wenn Umsatz und Pipeline stimmen, Kunden zufrieden sind und das Team gut funktioniert, braucht es nicht besonders viel Mut, Verantwortung zu übernehmen. Interessant wird es erst, wenn das Gelände schwieriger wird. Wenn Ziele verfehlt werden, wenn Vertrauen beschädigt wurde, wenn jemand eine Entscheidung von dir erwartet, die du am liebsten noch einige Wochen verschieben würdest, oder wenn du selbst merkst, dass du falsch gelegen hast.
Gerade dieser letzte Punkt beschäftigt mich heute stärker als früher. Verantwortung bedeutet für mich nicht, immer recht zu haben. Im Gegenteil. Ich misstraue Menschen zunehmend, die scheinbar immer recht haben. Wer Entscheidungen trifft, liegt irgendwann falsch. Wer Verantwortung übernimmt, wird Menschen enttäuschen. Wer etwas bewegt, wird Fehler machen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Fehler passieren. Die Frage ist, was danach passiert. Versucht jemand, den Fehler zu erklären, ihn zu verstecken oder jemand anderem zuzuschieben? Oder steht er hin und sagt: Das war meine Entscheidung. Ich habe sie so getroffen. Und ich trage jetzt auch die Konsequenzen.
Vielleicht ist genau das eine der Veränderungen, die mit den Jahren kommen. Früher wollte ich zeigen, dass ich Verantwortung übernehmen kann. Heute möchte ich sicherstellen, dass Verantwortung dort getragen wird, wo sie hingehört. Das klingt ähnlich, ist aber etwas völlig anderes. Denn Führung und Verantwortung bedeuten nicht, alles auf den eigenen Schultern zu tragen. Sie bedeuten auch, anderen Menschen etwas zuzutrauen, Hilfe anzunehmen, Fragen zu stellen und manchmal bewusst einen Schritt zurückzugehen.
Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen niemand einem die Entscheidung abnehmen kann. Das ist vielleicht eine Seite des Business, über die wenig gesprochen wird. Verantwortung kann einsam sein. Nicht im Sinne von fehlenden Menschen um einen herum. Man kann in einem vollen Sitzungszimmer sitzen, ein grossartiges Team haben und Menschen an seiner Seite wissen, denen man vertraut. Und trotzdem gibt es Entscheidungen, bei denen am Ende nur eine Person den Satz sagen muss: Wir machen es so.
Mit zunehmender Verantwortung werden diese Momente nicht zwingend leichter. Vielleicht werden sie sogar schwieriger, weil man mit den Jahren besser versteht, was eine Entscheidung auslösen kann. Mit zwanzig denkt man häufiger daran, was möglich ist. Mit vierzig denkt man zusätzlich daran, was passieren kann. Das eine ist nicht besser als das andere. Vielleicht braucht es beides. Die Unbekümmertheit, die uns antreibt, und die Erfahrung, die uns irgendwann etwas vorsichtiger werden lässt.
Vielleicht ist das am Ende eine der wichtigsten Erkenntnisse, die mir das Berufsleben bisher gegeben hat: Hinter Zahlen stehen Menschen. Hinter Umsätzen stehen Kunden. Hinter Zielvorgaben stehen Erwartungen. Hinter einer Kündigung steht ein Leben. Hinter einer Führungskraft steht ebenfalls ein Mensch, der zweifelt, abwägt und nicht immer weiss, was richtig ist.
Das habe ich als junger Mensch noch nicht in dieser Form gesehen. Und vermutlich konnte ich es auch gar nicht. Manche Dinge versteht man erst, wenn man sie erlebt hat. Wenn man Entscheidungen getroffen hat, die richtig waren. Und andere, die man heute anders treffen würde. Wenn man Menschen enttäuscht hat. Wenn man selbst enttäuscht wurde. Wenn man Verantwortung übernommen hat, obwohl man sich nicht bereit fühlte.
Denn Titel kann man bekommen.
Verantwortung muss man tragen.
Und manchmal trägt man sie länger, als es in irgendeiner Stellenbeschreibung vorgesehen war.